„Was könnten wir danach gelernt haben?“ – Überlegungen zur größten Menschheitskrise seit den Weltkriegen und zu den Chancen, die sich daraus ergeben

Essay unseres Betreuungs-Bundestagsabgeordneten Gerhard Zickenheiner.

Nie seit dem letzten Krieg war so viel Veränderung binnen kurzer Zeit, nie gab es derartige Eingriffe in unsere Alltagsgestaltung, nie so viel Verunsicherung und Angst. Konstant sind lediglich die Aussagen von Institutionen wie dem Robert Koch-Institut und von Virologen wie Christian Drosten, dass wir erst ganz am Anfang der größten Pandemie stehen, die die Menschheit je erlebt hat. An dieser Stelle verzichte ich auf weitere Schilderungen dessen, was wir alle täglich aufs Neue entsetzt in den Medien sehen.

Der Himmel ist streifenlos blau und geräuschfrei. Plätze und Straßen sind still. Wer nicht gerade Kinder beschult oder einen der „systemrelevanten Jobs“ außerhalb der eigenen vier Wände bekleidet, sitzt nach dem Tausch des Arbeitsumfeldes gegen das Homeoffice auch dort zwangsentschleunigt und befremdet. Versetzt in eine andere Welt, die, obwohl wir am gleichen Ort, an den gleichen Straßen wohnend, nicht mehr die unsere zu sein scheint.

Was geschieht da gerade, was macht das mit uns, wird das noch mit uns machen und wie wird es sein danach, irgendwann?

Alles, jeder, überall, immer…
Ich erinnere mich an den riesigen amerikanischen Flusskrebs, den ich letzten Sommer in der Wiese bei der Rossschwemme sah, ein paar Meter aufwärts stand zuhauf der japanische Knöterich am Ufer und mir fällt Bernd Ulrich ein, der kürzlich in einem Zeit-Artikel meinte: „Für die Natur ist in der Globalisierung immer Corona“. Dann erzählt er von der Schweinepest – Viren, die mit den Wildschweinen über Westpolen zu uns kommen. Meist sind das unbemerkte blinde Passagiere, die sich mit uns oder mit Gütern für uns auf Reisen in unserer globalisierten Welt begeben haben.

Die Globalisierung hat uns reicher gemacht. Und nie gab es anteilig weniger Hunger in der Welt. Besonders gerecht wurde die Welt trotzdem nicht, die soziale Schere klafft immer weiter auseinander, die gefühlten Verlierer der Globalisierung werden oft zu leichter Beute für Rechtspopulisten und Faschisten. Das zeigt sich auch im Paradoxon, dass wir in Deutschland gerade die niedrigste Kriminalitätsrate der letzten dreißig Jahre feiern und gleichzeitig einen seit dem Faschismus nie dagewesenen Umfang indifferenter Angst und militanten Fremdenhasses in Verbindung mit der absurden Sehnsucht nach dem „reinen Volk“ erleben.

Unsere Bauern müssen mit unter zweifelhaften Bedingungen erzeugten Billigstprodukten aus Ländern konkurrieren, die diese zu uns schaufeln, weil wir im Tausch gegen unsere Industrieprodukte uns zu deren Abnahme verpflichtet haben. Und billig muss es für uns ja sein: schließlich muss genügend Geld übrigbleiben für das Auto, das kostet inklusive Unterhalt durchschnittlich inzwischen so viel wie die Durchschnittsfamilie bereit ist, für den Kühlschrankinhalt auszugeben. Die Waffen, die wir doch gar nicht in Krisengebiete verkaufen, tauchen genau dort auf, oft aber nicht mehr in den Händen derer, die wir für die Guten halten, sondern auf diese gerichtet. Und ganz nebenbei haben wir im Wettbewerb um Wirtschaftlichkeit im internationalen Vergleich die Gesundheitssysteme vernachlässigt, Ländern unter dem EU-Rettungsschirm sogar auferlegt, diese zu schrumpfen. Das ist ja alles bekannt. Corona zeigt uns nur einmal mehr:

Die Weltengemeinschaft hat die Globalisierung nicht im Griff
Die Regierungen der Staaten unserer Welt handelten zu langsam und unkoordiniert, die Autokraten und Populisten unter ihnen stellen obendrein den Machterhalt vor den Schutz der Bevölkerung, die Folgen sehen wir in beängstigender Form zum Beispiel in den USA.

Das gilt auch für Europa: Nationale Egozentrik hatte wochenlang Vorrang vor gemeinsamem Handeln. Als die Italiener vor einigen Tagen um Hilfe baten, waren viele Staaten gerade dabei, die Grenzen zu schließen – auch Deutschland. Hilfe erhielten sie zuerst einmal aus China, für die Italien ein begehrtes und seitens der EU gefürchtetes Einfalltor in die europäischen Märkte darstellt. Zwischenzeitlich setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass einem glaubhaft geeinten Europa die Bilder der transnationalen Krankentransporte besser zu Gesicht stehen als die der 80km Staus vor europäischen Binnengrenzen. Das dringend notwendige faktische Bekenntnis, sich gegenseitig umfassend abzusichern, steht noch aus: Gegenwärtig verweigern Mitgliedsstaaten wie Deutschland, die Niederlande und andere, beispielsweise eine Absicherung Italiens und Spaniens über gemeinsame Anleihen zu sichern. Salvini und die anderen Rechtsaußen-Nationalisten reiben sich die Hände.

Unsere weltweit verwobenen Handelsketten brechen ein, von Kleinunternehmen bis hin zur Automobilindustrie machen Unternehmen dicht, weil Teile fehlen. Und jeder hat gelernt, dass uns die Arzneimittel ausgehen, weil wir sie längst nicht mehr selbst produzieren und die Produktionsstätten auf Orte konzentriert haben, die jetzt nicht mehr produzieren, sie selbst benötigen oder schlicht nicht zu uns liefern können.

Nein, ich möchte nicht auf eine Abrechnung mit der Globalisierung hinaus. Wünschenswert wäre eine selektive, kontrollierte, verlangsamte und vor allem schonende Globalisierung. Bislang überlassen wir die Entwicklung der Globalisierung zu sehr dem freien Spiel der Kräfte und fügen uns auf politischer Ebene zu oft den Lobbyisten.

Globalisierung, EU, aber auch die Regionen weiterentwickeln
In Krisen gewinnt die Politik an Bedeutung. Während sich in den vergangenen Dekaden immer mehr der Eindruck verfestigte, diese wäre nur noch Spielball der Wirtschaft, zeigt sich nun, dass zwar einzelne Konzernchefs großzügig Promilleanteile ihrer Vermögen zur Corona-Bewältigung spenden, die Krisensteuerung aber alleinig Sache der Politik ist.

In der Bevölkerung verbreitet sich das Bewusstsein, dass uns zwar tiefe Einschnitte blühen, gleichzeitig ahnen viele, dass Corona nur ein weiterer Zeuge eines ungezügelten Turbolebens auf Kosten unseres Planeten und letztendlich damit auch auf Kosten unserer Unversehrtheit ist. Das wird Folgen haben. Wir stehen vor einem Wendepunkt, an dem wir unsere Gedanken und Ideen sortieren und Bestehendes hinterfragen können. An einem Wendepunkt, der uns zu Neuem und Veränderungen bringen kann und bringen sollte. Das geht nur gemeinsam und im Bewusstsein, dass, ebenso wie die Gesundheit ein hohes, absolut schützenswertes Gut ist, ein intaktes Klima unser aller Lebensgrundlage bedeutet.

Die Grundlagen dazu sind längst geschaffen, zum Beispiel in den 17 Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030, die zwar 196 Staaten unterzeichnet haben, die aber bislang auch von der Bundesrepublik nur äußerst dürftig umgesetzt wurden. Konkreten Umsetzungsbedarf sehen die Fachleute als Lehre aus Corona in der Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit auf Wissenschaftsebene. Globale Risiken erfordern überstaatliche Akteure, die global vernetzt agieren können, folglich auch ein international agierendes Notfallmanagement.

Der weltweite Handel sollte nicht unterbunden, aber beispielsweise in Sachen Transport real, also inklusive der Umweltkosten, bepreist werden, genauso wie Lieferketten durchgängig internationalen Standards genügen sollten. Dann wären die Weihnachtserdbeeren vielleicht nicht mehr so billig, die Freude auf die hiesigen im Mai aber umso größer.

Die EU braucht dringend ein Update: Die Art und Weise, wie wir mit dieser Krise umgehen, und unsere Fähigkeit, uns zu koordinieren und gegenseitig zu unterstützen, können entweder das europäische Projekt und unsere Demokratien, wie wir sie kennen, unwiederbringlich schädigen oder umgekehrt beides stärken. Deshalb sollten wir das „Miteinander“ in der EU in den Vordergrund stellen, dringend das Parlament stärken und den Rat entscheidungsfähig machen.

Think global, act local: Eine Aufwertung des Regionalen birgt große Chancen, politisch wie wirtschaftlich. Ganz konkret bedeutet das, dass wir gezielt zukunftsfähige Projekte und Geschäftsmodelle in unserer Region und für unsere Region fördern und etablieren, aber auch unsere regionale Landwirtschaft bewahren und stärken, und Lieferketten verkürzen, um Verbraucher und Landwirtschaft näher miteinander zu verbinden.

Wird das Leben damit teurer?
Ja, wenn wir die Rechnung ohne die Kosten für die Corona-Krise, ohne die Kosten für die Klimakrise und die Folgen von Insekten-und Vogelsterben, ohne die Kosten für die EU-weite Quersubventionierung der Landwirtschaft und Ähnlichem machen. Die Kosten trägt bekanntlich nicht irgendwer, sondern sie werden, wie sollte es auch anders gehen, sozialisiert, das heißt, am Ende zahlen wir die Zeche selbst. Wenn das alles einkalkuliert wird, ist eine etwas selektivere, kontrolliertere, verlangsamte und vor allem schonendere Globalisierung nicht nur preiswerter, sondern auch lebenswerter.

Die einsamen Stunden, die Nachdenklichkeit und die Selbstbesinnung, die viele von uns zur Zeit erleben, bieten Anlass zur Neuorientierung. Lassen Sie uns darüber nachdenken. Wenn wir wollen, kann dieses verdammte Virus nach all dem Leid, das es über uns bringt, uns helfen, danach den Weg zu finden, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, als sie es bis dato war.

Gerhard Zickenheiner MdB

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